Benjamin Hewat-Craw, Yuhao Guo – Winterreise

Warum habt ihr euch für die Winterreise als Debüt-CD entschieden? Guo: Wir beide beschäftigen uns seit einigen Jahren mit der Winterreise und haben uns schon relativ früh vorgenommen, zusammen eine Aufnahme des Zyklus zu machen. Wir möchten mit unserer Interpretation auch gerne junge Leute ansprechen, da vielleicht gerade viele dieser Menschen noch frische Erfahrungen mit Liebeskummer haben. Außerdem ist der Protagonist ja auch ein eher junger Kerl.

Hewat-Craw: Ich glaube nicht, dass es einen ikonischeren Liederzyklus gibt als die Winterreise. Wir wollten unsere Ankunft in der internationalen Liedszene mit einem Knall ankündigen. Dies ist sicherlich eine Herausforderung bei einem so prominenten Katalog von Aufnahmen, die den Weg säumen: wunderbare Künstler, die dem Zyklus ihren einzigartigen Stempel aufgedrückt haben. Nun haben wir unseren eigenen Stempel aufgedrückt. Jede Interpretation der vorangegangenen Künstler ist sehr individuell, doch der Zyklus verlockend einzigartig. Es gibt keine Geschichte oder substanzielle Handlung. Die wirkliche Geschichte ist schon zu Ende bevor der Zyklus angefangen hat. Der Zyklus ist ein erweiterter Epilog, welcher tief in die menschliche Psyche eintaucht und Einsamkeit und Verzweiflung aufdeckt, aber auch vielleicht einen Hoffnungsschimmer. Ich würde jeden Künstler herausfordern, der kein Interesse daran hat, diese Themen zu erforschen.


Gustav Mahler Fest Kassel, Sinfonie Nr. 2, Adam Fischer – amu collecton vol 4

Kassel, die Stadt im Herzen Deutschlands, international bekannt als Stadt der alle fünf Jahre stattfindenden Weltkunstausstellung „documenta“, fand auch auf dem Gebiet der Musik internationale Beachtung, als der damalige Generalmusikdirektor Ádám Fischer im Jahr 1989 das „Gustav Mahler Fest Kassel“ ins Leben rief.

Mit dem Festspielorchester entstand ein Klangkörper von ganz eigener Qualität und Charakteristik. Neben dem Konzertmeister Rainer Hocke von den Wiener Philharmonikern wurden vor allem die Oboen- und die Klarinettengruppe aus den Wiener Philharmonikern und den Wiener Symphonikern gebildet, deren Instrumente besondere Merkmale und damit einen spezifischen Klang aufweisen. Gleiches gilt für die Hörner, die bei Mahler eine wichtige Rolle spielen. Der besondere Streicherklang von Musikern etwa der Staatskapelle Dresden, der Tschechischen Philharmonie Prag, dem Orchester der Ungarischen Staatsoper sowie die Blechbläser, vor allem Trompeten, aus deutschen Orchestern, ergänzt durch Musiker aus Brünn, vom Concertgebouw-Orchester Amsterdam sowie aus Frankfurt, Hannover, Köln und Düsseldorf ergaben einen Mahlers Musik in besonderer Weise adäquates Klangbild. Selbstverständlich hatte das Staatsorchester Kassel mit insgesamt 20 Musikern, die im Wechsel eingesetzt wurden, maßgeblichen Anteil am Festspielorchester.

Ádám Fischer, am 9. September 1949 in Budapest geboren, studierte Komposition und Dirigieren zunächst in Budapest, anschließend in Wien bei Hans Swarowsky. 1973 gewann er den Ersten Preis des Cantelli-Wettbewerbs in Mailand und bekam daraufhin seine erste Stelle als Korrepetitor an der Grazer Oper. Im Anschluss wurde er Erster Kapellmeister an der Finnischen Nationaloper in Helsinki, am Staatstheater Karlsruhe und an der Bayerischen Staatsoper München. Von 1981 bis 1983 war er Generalmusikdirektor am Theater Freiburg in Freiburg im Breisgau, von 1987 bis 1992 in gleicher Funktion am Staatstheater Kassel und von 2000 bis 2005 am Nationaltheater Mannheim. 2001 übernahm er kurzfristig bei den Bayreuther Festspielen die Leitung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, wofür er von der Zeitschrift Opernwelt zum Dirigenten des Jahres 2002 gewählt wurde. 1998 wurde er auch Chefdirigent des Danish National Chamber Orchestra. Bis 2010 war er Generalmusikdirektor der Ungarischen Staatsoper. Wegen politischer Quereln gab er die Position auf. Mit Beginn der Spielzeit 2015/2016 fungiert er als Erster Konzertdirigent der Düsseldorfer Symphoniker. Mit der amu collection veröffentlicht ARS verschiedene Aufnahmen vom Ebel- Tonstudiotechnik Kassel.


Julia Wacker – Edgar Allan Poe und die Harfe

Wer mit dem Werk Edgar Allan Poe’s vertraut ist oder auch nur wenige seiner grusligen Kurzgeschichten gelesen hat, untermalt diese oft von menschlichen Abgründen handelnden Texte im inneren Geist vielleicht nicht gerade mit dem, klischiert dem Engelsgleichen zugeordneten, Harfenklang. Dass sich dennoch zwei Komponisten und eine Komponistin auf diese Verbindung einliessen, zeugt einerseits von deren grossen Experimentierfreudigkeit und unerlässlichen Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, andererseits von dem schier unendlichen Reichtum des Klangspektrums der Harfe.

Zwei der Ersten, die Werke aus Poe’s Horrorliteratur programmatisch vertonten, waren die Harfenvirtuosin Henriette Renié (1875–1956), die 1912 den Text „The Tell- Tale Heart“ als Vorlage für ihre „Ballade fantastique“ verwendete, und der ebenfalls französische Komponist André Caplet (1878–1925), der 12 Jahre später mit seinem Werk „Conte fantastique“ für Streichquartett und Harfe die Kurzgeschichte „The Mask of the Red Death“ musikalisch nachzeichnete. Der Schweizer Komponist Thüring Bräm (*1944) nimmt in seiner 2016 geschriebenen Komposition „A Wind Blew Out of a Cloud“ für Harfe solo Bezug auf das weltbekannte Gedicht „Annabel Lee“.


Duo Natalia – Magical Russia

Wohl kein Bereich der Musik erfordert eine solche Konzentration der Kräfte wie die Kammermusik. Doch wird sie erreicht, finden Interpreten zu einem Gleichklang des Herzens und des Geistes, kann Kammermusik zu einem Faszinosum werden. Das seit 2011 bestehende Duo Natalia – die Geigerin Natalia van der Mersch und die Pianistin Natalia Kovalzon – hat, weit über die Parallele des Vor-namens hinaus, zu diesem Gleichklang gefunden. Dieses erfolgreiche gemeinsame Musizieren hat in CD-Aufnahmen Klang gefunden, so 2018 mit der CD „La Folia“ mit Werken von Arcangelo Corelli und Johann Sebastian Bach, Franz Schubert, Antonín Dvořák, Bela Bartók, Henryk Wieniawski und John Williams. Eine zweite CD, die großen russischen Musikern wie Tschaikowsky, Glinka, Rubinstein, Rachmaninow und Strawinsky gewidmet ist, erscheint nun bei ARS Produktion.


Hans-Jürg Strub – Schubert Klaviersonaten D 959 und D 960

Das Musikerleben des Schweizers Hans-Jürg Strub ist seit über 30 Jahren gleichermaßen von seiner Tätigkeit als Pianist und Pädagoge bestimmt. Nach Studien in Winterthur und Hannover und vielfachen Auszeichnungen bei nationalen wie auch internationalen Klavierwettbewerben begann er eine erfolgreiche Pianisten-Laufbahn, die ihn als Solist und Kammermusiker über die Schweiz hinaus vor allem nach Deutschland und Japan führte. Als Klavierpädagoge gehört Hans-Jürg Strub gleichzeitig zu den prägendsten Persönlichkeiten im deutschsprachigen Raum. Zahlreiche junge Talente sind aus seiner Schmiede an der Zürcher Hochschule der Künste, diversen Meisterkursen und seinem renommierten Interpretationskurs in Weidenkamm in den vergangenen 30 Jahren hervorgegangen.

Nach Aufnahmen mit Musik von Mozart, Berg, Brahms oder auch Schumann widmet sich Hans-Jürg Strub auf seiner neuesten CD, die nun beim Label ARS Produktion erscheint, Franz Schuberts Klaviersonaten in A-Dur D 959 und B-Dur 960 – zwei Werke jener epochalen Sonaten-Trias, die 1828 im letzten Lebensjahr des Komponisten entstand und als Abschluss und Höhepunkt seiner Beschäftigung mit dieser Klaviergattung gesehen wird.

Der wechselseitige Einfluss von Konzertieren und Unterrichten nimmt im musikalischen Denken Hans-Jürg Strubs einen großen Raum ein. Beide Tätigkeiten zielen auf die bewusste Umsetzung innerer Zusammenhänge einer Komposition mit dem entsprechenden Ausdruck auf dem Klavier – ein Ansatz, der der großdimensionierten Struktur in Schuberts letzten Sonaten, mit ihren vielen Brüchen, Bezügen und den weitgefassten emotionalen Spannungsbögen nur zugutekommen kann.

Nach fast einem Jahrhundert der Geringschätzung des Schubert’schen Sonatenschaffens gelten seine Werke inzwischen als Meilenstein der Klaviermusik. Mit seinen drei letzten Gattungsbeiträgen, die allesamt im September 1828 – zwei Monate vor dem frühen Tod des Komponisten wohl als letzte vollendete Instrumentalwerke überhaupt aus seiner Hand – entstanden, hat sich Schubert aus dem Schatten Beethovens befreit und das klassische Sonatenkonzept hinter sich gelassen. Sein eigener Weg führt ihn weg vom Kontinuierlichen zum Eruptiven, zur praktische Aufhebung des Zeitempfindens durch die »himmlischen Längen«, zur Gebrochenheit des Ausdrucks zwischen Übermut, Witz und dem tiefsten seelischen Abgrund. Der Klaviersatz ist nicht auf äußerliche Brillanz um seiner selbst willen angelegt, sondern stellt höchste Anforderung an die Nuancierung des Einzeltons wie auch an den Blick für Entwicklung, Proportionen und das großdimensionierte Ganze.

Hans-Jürg Strub erhielt seine musikalische Ausbildung am Konservatorium Winterthur bei Christoph Lieske und an der Musikhochschule Hannover bei Hans Leygraf; musikalische Größen wie Tatjana Nikolajewa, Zoltán Kocsis oder György Kurtág hatten ebenfalls einen prägenden Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung. Nach dem Solistenexamen erhielt Hans-Jürg Strub einen Lehrauftrag in Hannover, bevor er 1988 an die Zürcher Hochschule der Künste wechselte. Über regelmäßige Meisterkurse hinaus, begründete er 1999 seinen jährlichen Interpretationskurs in Weidenkam. Als Solist ist er unter anderem mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und dem Stadttheater Winterthur mit Dirigenten wie Gerd Albrecht, Theodor Guschlbauer, Mario Venzago oder Marc Tardue aufgetreten.


Fabian Müller – Zürcher Kammerorchester vol. 2

Fabian Müllers (*1964) Werke wurden durch große Musiker unserer Zeit wie David Zinman, Andris Nelsons, Sir Roger Norrington, Christopher Hogwood oder Steven Isserlis aufgeführt und erklangen in den renommierten Sälen der Welt wie der Carnegie Hall, Berliner Philharmonie, dem Teatro Colón, der St. Petersburger Philharmonie oder der Tonhalle Zürich.

Zahlreiche CD-Aufnahmen unter anderem mit dem Philharmonia Orchestra (unter David Zinman), dem Royal Philharmonic Orchestra in London, dem Zürcher Kammerorchester oder dem Petersen Quartett Berlin (für ARS Produktion col legno, Capriccio, Sony Classical u.a.) zeugen von seinem vielseitigen Schaffen. Im Anschluss an seine Cello-Ausbildung am Zürcher Konservatorium bei Claude Starck studierte Fabian Müller Komposition in Zürich und den USA, wo er 1996 den Jacob Druckman Award for Orchestral Composition gewann.

Für sein bisheriges Schaffen erhielt er 2006 eine kulturelle Auszeichnung des Kantons Zürich und 2012 den Kunstpreis Zollikon. 2016 gehörte er zu den Nominierten des «Schweizer Musikpreis» des Bundesamtes für Kultur.

Nebst seiner Tätigkeit als Komponist gilt sein Interesse der Volksmusik. Während zehn Jahren (1991–2002) arbeitete er an der Herausgabe der Hanny Christen- Sammlung, einer zehnbändigen Volksmusik-Anthologie mit über 10.000 Melodien aus dem 19. Jahrhundert.